Meine Arbeit als Lerncoach

Ein Interview mit Bettina Dénervaud

Stefanie Rietzler: Bettina, du hast dich bereits vor einigen Jahren mit einer Sprachschule selbstständig gemacht. Wie bist du auf den Bereich Lerncoaching gekommen?

Bettina Dénervaud: In meiner langjährigen Unterrichtstätigkeit bin ich immer mal wieder über Lernschwierigkeiten meiner SchülerInnen gestolpert, deren Ursprung ich mir manchmal nicht wirklich erklären konnte. Es war schwierig, zu erkennen, an welchem Punkt man eigentlich ansetzen sollte. Das hat mich bewogen, mich zum Lerncoach weiterbilden zu lassen.

Zu Beginn der Weiterbildung in Lerncoaching dachte ich noch, dass ich das Gelernte vorwiegend beim Sprachunterricht anwenden würde – was ich auch nach wie vor tue – stellte dann aber nach einiger Zeit fest, dass sich mir da fast wie von selbst ein enorm umfangreiches, neues Tätigkeitsfeld eröffnet. Zu Beginn habe ich neben der bestehenden Sprachschule ein weiteres Standbein dazugewonnen: meine stetig wachsende Praxis für Lerncoaching. Nachdem ich während meiner Weiterbildung zum Lerncoach auch Ausbildungsmodule zum Thema Mobbing besucht hatte, trug ich drei Jahre lang den Gedanken in mir, in der Schweiz eine Anlaufstelle für Schüler/innen, Eltern und Schulen bei Mobbing aufzubauen. Inzwischen leite ich mit meinem Kollegen Pascal Kamber die Fachstelle Hilfe bei Mobbing.

Das Besondere an der Weiterbildung in Lerncoaching ist, dass die vermittelten Inhalte sehr praxisorientiert und direkt umsetzbar sind. Beim Sprachunterricht sehe ich nun viel eher und klarer, wo die Schwierigkeiten liegen und wo es anzusetzen gilt. Das neue Standbein „Lerncoaching“, das sich daraus ergeben hat mit seinen Betätigungsfeldern wie Vorträgen an Schulen, Seminaren, Workshops, Gruppen- und Einzelcoachings und Weiterbildungen für Lehrpersonen hat meine Erwartungen bereits jetzt übertroffen und ich freue mich auf alles, was noch kommen mag.

Stefanie Rietzler: Mit welchen Schwierigkeiten kommen die Klienten zu dir?

Bettina Dénervaud: Das zu beantworten ist nicht leicht - die Schwierigkeiten respektive Themen, die es zu bearbeiten gilt, sind etwa so unterschiedlich wie die Klienten selbst. Zusammenfassend kann ich aber sagen, dass bei Jugendlichen oft das Herausschieben vom Stoff, den sie zu lernen haben, eine große Problemzone ist, einhergehend mit der praktischen Anwendung von Lernstrategien, was bekanntlich ein gewisses Maß an Disziplin und Selbststrukturierung erfordert, wenn es zum Erfolg führen soll. Auch Prüfungsangst ist ein Bereich, an dem ich mit Jugendlichen und Kindern regelmäßig arbeite. Bei jüngeren Kindern schildern mir natürlich vorab deren Eltern, wo aus ihrer Sicht die Schwierigkeiten liegen. Die Bereiche sind vielfältig – das kann mangelnde Motivation und Konzentration sein, das unselbständige Lernen und Hausaufgabenerledigen, was ständig zu Konflikten führt, die falschen Lernstrategien und so weiter. Wenn ich dann das Kind frage, wie es denn aus seiner Sicht aussieht, kriege ich oft ganz andere Antworten zu hören als die Einschätzung der Eltern.

Stefanie Rietzler: Wie sieht der Alltag in deiner Lernpraxis aus?

Bettina Dénervaud: Die Aufgaben sind erstaunlich kreativ und vielfältig. Ich bin kein großer Fan von Routine (obwohl diese zu einem gewissen Grad natürlich auch dazugehört). Deshalb gibt es bei mir keinen "typischen Tagesablauf". Ich biete einerseits Einzelcoachings an, um gezielt und vertieft an den jeweiligen Schwierigkeiten der Klienten zu arbeiten, andererseits auch Gruppencoachings zu Themen wie "Lernstrategien", "Motivation" oder "Prüfungsängste" wie am Gymnasium Kirchenfeld Bern. 

Den anderen Teil, der sich im Laufe der Zeit ergeben hat und den ich auf keinen Fall missen möchte, sind die Vorträge (organisiert von Schulen und Elternräten), Seminare und Workshops für Eltern und Jugendliche. Ein vergleichsweise neuer Bereich sind die Tagesfortbildungen für Lehrpersonen, welche mir auch außerordentlich Freude machen. Da musste ich mir anfangs zwar schon zweimal überlegen, ob ich mich auch wirklich bereit dazu fühlte. Aber gerade das Annehmen mancher Herausforderung, wozu ich mich anfänglich etwas überwinden musste, hat mich am meisten weitergebracht. Ich habe mir die Aussage von dir und Fabian, dass wir genau dann mit der praktischen Arbeit beginnen sollten, wenn wir uns vielleicht noch etwas unsicher fühlen, zu Herzen genommen und habe es nie bereut – im Gegenteil, ich freue mich über all die Herausforderungen, an denen ich lernen und wachsen darf.

Stefanie Rietzler: Oftmals fällt es Klient/innen schwer, sich eine Lerncoaching-Sitzung vorzustellen. Kannst du ein Beispiel aus deiner Praxis geben?

Bettina Dénervaud: Keine Stunde verläuft wie die andere, aber ich erzähle gerne von der Arbeit  mit einem Mädchen, das ich begleite. Die Schülerin ist in der vierten Klasse und wurde von ihrer Mutter zum Lerncoaching angemeldet. Die Mutter erläuterte anfänglich, was alles nicht gut läuft und was aus ihrer Sicht verändert werden sollte - in möglichst kurzer Frist. Die Tochter sagte nicht viel, aber es war ihr deutlich anzumerken, dass sie unter der Erwartungshaltung ihres Umfelds litt. Mit viel Fingerspitzengefühl galt es dann, vorerst Druck aus der aktuellen Situation herauszunehmen und zwar für die Mutter und für die Tochter. Ich stelle öfters fest, dass manche Eltern regelrecht erleichtert reagieren, wenn sie ihre Erwartungen vorerst mal herunterschrauben dürfen/müssen. In diesem Fall war es jedenfalls so. Mit den Methoden, die ich in meiner Weiterbildung kennengelernt habe, konnten wir schließlich Ziele definieren, die realistisch waren und dem Kind entsprachen. So kam während der nächsten Sitzungen auch schrittweise die Motivation des Mädchens zurück. Ihr Fokus öffnete sich und sie merkte anhand von ihren neugewonnenen Erfolgserlebnissen und dem Lob ihrer Lehrperson, dass sie sehr wohl etwas bewirken kann, wenn sie beispielsweise die richtige Lernstrategie anwendet. Während der Coachingstunde üben wir solche Dinge ganz konkret und erstellen auch gemeinsam einen Übungsplan für zu Hause. Bei jüngeren Kindern, die in der Regel von einem Elternteil abgeholt werden, erläutere ich Ende der Stunde kurz, woran gearbeitet wurde und wie es nun zu Hause weitergehen sollte. Eltern von älteren Kindern und Jugendlichen informiere ich regelmäßig per Mail oder Telefon.

Stefanie Rietzler: Was gefällt dir an deiner Arbeit?

Bettina Dénervaud: Allem voran die Vielseitigkeit, dass kein Fall wie der andere ist. Dann natürlich die Beziehung zu den Klienten und deren „Aha-Erlebnisse“, worüber ich mich jeweils ebenso freue wie die Klienten selbst.

Stefanie Rietzler: Welches Erlebnis in deiner Arbeit hat dich besonders berührt?

Bettina Dénervaud: Da ist dieser Fünftklässler, der sich äußerst schwer mit Mathematik tut. Ich hatte vor, eine Lückenanalyse zu machen, um herauszufinden, wo wir ansetzen müssen. Diese war jedoch unmöglich durchzuführen, denn kaum kam eine Aufgabe, die er nicht lösen konnte, verschränkte er seine Arme auf dem Tisch und versteckte seinen Kopf darin. Und aus dieser Position war er nicht mehr wegzukriegen. Einmal verharrte er so, bis ihn seine Mutter abholen kam – egal was ich tat, es war alles wirkungslos. Wegen seiner ständigen Misserfolge hatte der Bub verständlicherweise ein großes Misstrauen gegenüber Erwachsenen aufgebaut, vor allem wenn sie etwas Schulisches von ihm wollten. Mir wurde klar, dass ich in den folgenden Stunden fast ausschließlich an der Beziehungsebene arbeiten musste, wenn ich denn jemals eine Chance bei ihm haben sollte. Seiner Mutter war dies glücklicherweise bewusst, was die Sache natürlich erleichtert hat. Schrittweise erlangte ich sein Vertrauen, bis er realisierte, dass ich ihm nichts „Böses“ und ihn auch nicht bloßstellen wollte. Erst nach mehreren Wochen ließ er sich auf das Automatisieren des Einmaleins ein. In einer Coachingstunde arbeitete er besonders konzentriert, und als ich sagte, dass die Stunde nun vorüber sei und er nach Hause gehen dürfe, erwiderte er erstaunt:

„Wie? Zeit schon rum? Hab ich nun so lange Mathe geübt…?“

Und da war es, dieses Strahlen in seinen Augen – sehr wahrscheinlich seine erste positive Erfahrung in Bezug auf Mathe, und seine Erkenntnis, dass Lernen nicht zwingend Frust und Zwang bedeuten muss, sondern dass es auch anders geht. Am Ende der Stunde lobte ich ihn natürlich für seinen tollen Einsatz und wie sehr ich mich darüber freue, und er antwortete, dass es ihm heute das erste Mal richtig Spaß gemacht hätte, und dies in seinem „Hassfach“. Hätte mir das jemand zu Beginn gesagt, hätte ich kaum daran geglaubt. Dieser Junge ist auch ein „Lehrer“ für mich: Er bringt mir bei, mich noch mehr in Geduld zu üben und mich über die noch so kleinen Fortschritte und Erfolge zu freuen.

Mehr über Bettina Dénervaud und ihrer Arbeit erfahren Sie unter:

www.schnell-lernen.ch

www.hilfe-bei-mobbing.ch

Akademie für Lerncoaching
Albulastrasse 57
8048 Zürich